Sprüth Magers Berlin London

Louisa Clement, Anna Vogel, Moritz Wegwerth   Sprüth Magers Berlin   september 17 - october 29 2016

Louisa Clement, Anna Vogel, Moritz Wegwerth (Group Show)
 
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Die Erscheinungsformen ihrer Arbeiten sind so unterschiedlich wie die Konzepte, die ihnen zugrunde liegen, und doch haben Louisa Clement, Anna Vogel und Moritz Wegwerth eines gemeinsam: Sie gehören zu den ersten Studenten, die Andreas Gursky 2010 in seine Klasse für Freie Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf aufnimmt. Die interdisziplinäre Struktur der Klasse – neben Fotografie wird mit Malerei, Skulptur, Video, Performance gearbeitet – bietet ständig Anlass den eigenen Horizont zu erweitern. Zwei Ansätze erscheinen in Gurskys Unterricht zentral: zum einen, dass er seine Studenten anhält, sich intensiv mit der Geschichte ihres jeweiligen Mediums auseinanderzusetzen, zum anderen, dass er sie auffordert, sich mit den gegenwärtigen gesellschaftlichen Umständen zu beschäftigen. Insofern spielen diese Gesichtspunkte auch in den Arbeiten der drei Künstler eine wichtige Rolle.

Die frühe 22-teilige Fotoserie On One’s Way (2013) von Louisa Clement (*1987), bündelt die ungewöhnlichen visuellen Erlebnisse diverser Zugfahrten, die sich über ein Jahr lang erstreckten. Ihr fotografischer Blick verfing sich dabei an Stellen und Zwischenräumen, die der praktischen Wahrnehmung normalerweise entgehen: am Gleitmechanismus der Schiebetür etwa, am Lüftungsgitter, an der Armlehne. Clement fotografiert mit dem Smartphone, es macht einen wichtigen Teil ihrer Ästhetik aus. Das gilt auch für die 2015 entstandene Serie Heads. Hierbei fotografiert die Künstlerin Köpfe von Schaufensterpuppen durch die Außenscheiben von Modeläden. Sie wählt ausschließlich Puppen, deren Köpfe keine Gesichtszüge aufweisen. Je länger wir diese leeren Gesichter betrachten, desto stärker imaginieren wir bestimmte Charaktere. Clements Köpfe geben vielerlei Anlass zu gestaltender Projektion. Mit der Serie Fractures (2016) begibt sich die Künstlerin erneut in die Schaufensterwelt. Wie bei Heads sind auch hier sämtliche Bildhintergründe mit einer Farbigkeit versehen, die der ursprünglichen Umgebung entnommen ist. Die isolierten Körperfragmente sind für Clement Metapher einer alltäglichen Identitätssuche. Insofern ist es nur konsequent, dass sie ihre jüngste Serie Avatar (2016) nennt. Das uralte Verlangen jemand anderes sein zu wollen, wird heutzutage mehr denn je durch sozialen Medien und virtueller Realität erfüllt.

Anna Vogel (*1981) dekonstruiert in ihrem Werk den traditionellen fotografischen Horizont. Ihre Fotoarbeiten sind teilweise mit dem Cutter eingeritzt sowie mit Lack und Acryl übermalt. Bei Translator III und IV (2016) verzichtet sie gar völlig auf das fotografische Abbild; die helldunkel verlaufenden Bildgründe sind computergeneriert und anschließend mit eigens gefertigten Schablonen überzeichnet. Ein akribischer und zugleich meditativer Arbeitsprozess. Das Fotopapier fungiert hier als Indikator für Fotografie, es verleiht der Arbeit den Charakter des technischen Bildes. Ein weiterer Erzählstrang zeigt sich in technischen Gegenständen auf, die die Künstlerin im Studio aufnimmt und am Computer bearbeitet. Tinted Transformer III oder Protection I und II (2016) stellen Motive aus dem Bereich Motorsport dar. Die bereinigte Umgebung und die Gegenstände selbst erscheinen geradezu makellos. In der Arbeit Groundblast (2016) bekommen wir eine Vorstellung davon, was sich diesseits der Benutzeroberflächen in der Welt zuträgt. Das Motiv der Sprengung eines Schornsteins, ist weitgehend von ortsbezogenen Elementen isoliert und lässt sich mit gegenwärtigen Kriegsszenarien assoziieren. Die Kriegsschiffe in Salto di Quirra I und II (2015), die oberflächlich betrachtet an romantische Motive erinnern, deuten in Wahrheit auf einen Umweltskandal, verursacht durch Waffentests in einem militärischen Sperrgebiet unter dem die Bewohner am gleichnamigen Ort auf Sardinien seit Jahrzehnten leiden.

Moritz Wegwerth (*1981) untersucht die Einzelheiten der Welt mit dem Blick für das scheinbar Nebensächliche. Der Künstler hat sich ein digitales Archiv zur Fotogeschichte angelegt, es umfasst etwas 50 Positionen von Eugène Atget bis Annette Kelm, ein ständiger Prüfstein für das eigene Handeln. Jede neue Arbeit wird damit auf ihren Geltungsanspruch im zeitgenössischen Kontext hinterfragt. Sein Interesse gilt dem einzelnen Bild, nicht der Serie. Die Arbeit Gamescom II (2016), zeigt die Teilnehmer der weltgrößten Computerspielmesse in fast völliger Dunkelheit auf den Einlass wartend. Der gegenständliche Kontext erscheint äußerst reduziert, daher glaubt man zunächst eine Art schwarz-rotes Ornament wahrzunehmen. Erst näher betrachtet offenbart sich das exakt balancierte Verhältnis von Personendichte und Raumtiefe, das die Arbeit kennzeichnet. Bei Ultramarine (2016) liegt das Augenmerk auf der blauen Spiegelung der wassergefüllten Regenrinne, die sich vertikal durchs Bild zieht – eigentlich eine Momentaufnahme. Die Installation des Blitzableiters auf dem Flachdach macht eine merkwürdige Kurve, die technisch durch nichts gerechtfertigt ist, außer durch den unnachahmlichen Eigensinn des Handwerkers. So gesehen spiegelt die Arbeit auch den leisen Humor des Künstlers wider. Im Rahmen eines Stipendiaten Programms an der Skowhegan School of Painting & Sculpture in Maine besucht Wegwerth Sabbathday Lake Shaker Village, einer Siedlung in der Mitglieder der Glaubensgemeinschaft der Shaker leben. Er kommt mit Brother Arnold Hadd, einem der letzten aktiven Shaker, ins Gespräch und wird von ihm eingeladen eine Woche im Dorf zu leben und zu arbeiten. Aus der Begegnung ist die großformatige Arbeit Shaker Trees (2016) entstanden: eine Reminiszenz an den abgelegenen Ort, aber noch vielmehr ein Monument, eine Hommage an die freie Natur. Auch hier hat der Künstler nur das Nötigste verändert, indem er das Motiv in Schwarzweiß umwandelt.

Die Idee, dass Wahrnehmung und Erleben sich durch die Fotografie darstellen lassen, spielt im Werk von Louisa Clement, Anna Vogel und Moritz Wegwerth eine wichtige Rolle. Sie alle bauen auf einer Tradition auf, welche sich durch die Untersuchung des Mediums Fotografie herausgebildet hat. Die Wahrnehmung eines Kunstwerks wird von den Künstlern nicht nur als selbstverständlicher und passiver Akt aufgefasst, sondern ist vielmehr ein Produkt kultureller und historischer Vorraussetzungen.

Die Ausstellung findet im Rahmen des EMOP Berlin – European Month of Photography 2016 statt.
Sprüth Magers präsentiert in Berlin zeitgleich die Einzelausstellung THE JUNGLE von Sterling Ruby.

Für weitere Informationen und Presseanfragen kontaktieren Sie bitte Silvia Baltschun (sb@spruethmagers.com).

Ausstellungseröffnung: 16. September, 18 – 21 Uhr
Öffnungszeiten der Galerie: Dienstag – Samstag, 11 – 18 Uhr