Sprüth Magers Berlin London

Radiopictures   Sprüth Magers Berlin   september 18 - november 01 2014

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Bereits mit dem Ausstellungstitel Radiopictures verweist Thomas Scheibitz darauf, dass sein künstlerisches Denken neben Tektonik, Maßstäblichkeit und Verhältnismäßigkeit auch um Zeitmedien kreist: Musik, Film, Text. Zeitliche Aspekte wie Gleichzeitigkeit und Kontinuum sind für ihn weitere Dimensionen der Komposition.

Das Bild Historische Szene weckt im Titel Assoziationen zu Theater und Film. Die abgebildete Szenerie könnte ein Filmset oder eine Bühne zeigen und damit auf die Erfahrung von Liminalität, einen mehrdeutigen Zustand zwischen verschiedenen Wirklichkeitsebenen zielen – eine „offene Gegend“, die sich in Scheibitz‘ Werk immer wieder findet und in der sich Gebautes in seine tektonischen Strukturen auflöst. Das Gleiche gilt für sein Bild Gasthof Ravoux, bei dem der Titel zunächst noch auf die Herberge hinweist, in der Van Gogh die letzten drei Monate seines Lebens verbrachte. Die Architektur gerät hier ins Wanken, verbindet sich mit typografischen Elementen, streift Gesichtsformen, wird mit alarmierenden Farben konfrontiert und schaukelt fast wie ein Luftschiff auf einem blaugrauem Grund. Dass diese direkte Assoziation nicht gemeint sein kann, zeigt auch das Werk Spiegelwolke: Die wolkenartigen Gebilde im linken Bildfeld werden hier in der Kombination mit einer kreisförmigen Fläche, deren linker unterer Rand eine „Farbnase“ und einen darüber schwebenden kleineren Kreis aufweisen zu den Tränen eines traurig geneigten Kopfes, der zugleich ein Planet über einer Bergspitze sein könnte, zu der eine ochsenblutfarbige Straße führt: Die Genres Landschaftsbild und Portrait verbinden sich zu einer nicht-figurativen Komposition aus Farben, Formen und Flächen.

Der Titel Der Honigdieb bezieht sich mit seinem Anklang auf das Bild Venus mit Armor als Honigdieb von Cranach d. Ä. wieder auf ein konkreteres kunsthistorisches Beispiel, ohne direktes Zitat zu sein und ohne eine wirklich klar greifbare Figur aufzuweisen. Mit dem Titel Grammatik wird auf eine Form der Systematisierung hingewiesen, die zugleich in der Sprachwissenschaft eine Rolle spielt, sowie als Bildparadigma in der Kunstgeschichte. Jedes Gemälde eröffnet ein eigenes Storyboard, das sich zu einem Bild zusammengeschoben hat.

Mit der zur Ausstellung erscheinenden Diamond-Paper-Publikation Details I bildet Scheibitz den Vorgang eines achtsam wandernden Blickes über Details ab. Die Bildfindungen sind durch ein Flirren, Flimmern, Pulsieren der Details, Einzelelemente, Strukturen, Materialien charakterisiert und vermitteln Leichtigkeit sowie Beweglichkeit. Scheibitz‘ Blick gilt der permanenten, geradezu ruhelosen ikonographisch-ikonologischen Neuorientierung in der Gegenwartszeit und zugleich der Entdeckung der sich im Zeitgeist spiegelnden, aber ihn überdauernden formalen Ideen. Dennoch steht kein Detail für die verfestigte Bezeichnung eines Begriffs, keine Komposition für Narration. Ein statisches Bedeutungsregime lässt Scheibitz nicht aufkommen. Er fragt stattdessen etwa: Ist die einem Alltagsobjekt entliehene Form schon bildende Kunst oder eine zweck- und funktionsgebundene Form? Lassen sich die gleichen kompositionsanalytischen Ansätze anwenden? Basiert die eine wie die andere Lesart womöglich auf den gleichen Gestaltungsprinzipien?

Um das herauszufinden, zerlegt Thomas Scheibitz Ausschnitte der sichtbaren Welt und seine eigenen Werke in ihre Details, untersucht die Einzelteile – und überführt sie wie Einzelwörter, Grapheme, Phoneme, Morpheme, Lexeme in seine visuelle Sprache. Er versetzt sie in die ihm höchsteigene Farb- und Formenwelt, die weder als abstrakt noch als figurativ kategorisierbar ist. Den Zufall schätzt Scheibitz dabei als Prüfmittel und zum Erzeugen von kognitiver Dissonanz. Seine Zeichnungen, Fotografien, Gemälde und Skulpturen münden schlussendlich in höchstpräzise Analysen von Faktoren wie Erwartungen, Einstellungen, Erfahrungen, die auch seinen eigenen Blick prägen. Er hinterfragt diese Muster, demontiert den Deutungsrahmen, ordnet die Elemente wie in einem Periodensystem, sortiert neu, probiert Anordnungen durch, setzt verschiedenste Mechanismen der selektiven Betonung, Akzentuierung und Attributierung ein.

Thomas Scheibitz‘ Arbeiten funktionieren auf diese Weise wie die versteckten Tonquellen oder die Cut-Ups, die William S. Burroughs in seinem Essay The Electronic Revolution (1970) für die Anstiftung einer Revolution empfiehlt: Die gefundenen Bestandteile werden aus scheinbar selbstverständlichen, Bedeutung verleihenden Gefügen herausgelöst, die unbewusst vermittelten emotionalen und normativ besetzten Basisvorstellungen der Betrachter korrumpiert, der Kontext und dessen Funktionsweisen subversiv unterlaufen. Burroughs wandte sich gegen die von Wort-Bild- oder Wort-Wort-Kombinationen erzeugte Konditionierungen, die wie ein Virus das Denken des Einzelnen manipulieren und so von Ideologen missbraucht wird. Auch Scheibitz ist jedwede Form von Erzählung und der mit ihr eingeschleuste Virus fragwürdig. Er sucht nach einer Bildsprache, die ihn und die Rezipienten seiner Werke gegen derartige Viren immunisiert und sie damit emanzipiert.

Thomas Scheibitz (*1968, Radeberg, Deutschland), studierte an der Hochschule der bildenden Künste, Dresden und lebt und arbeitet in Berlin. Zuletzt waren seine Arbeiten in Einzelausstellungen im BALTIC Centre for Contemporary Art, Gateshead (2013) und im Museum Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main (2012) zu sehen. In Gruppenausstellungen war Thomas Scheibitz kürzlich unter anderem in der Neuen Nationalgalerie, Berlin (2013), im Irish Museum of Modern Art, Dublin (2013), im Kunstmuseum Solothurn (2013), sowie Centre Pompidou, Paris (2013) und im San Francisco Museum of Modern Art (2012) vertreten.


Zeitgleich zeigt Sprüth Magers Berlin die Einzelausstellung Dailies 2008 - 2014 von Thomas Demand und die Gruppenausstellung Arte Povera und 'Multipli', Torino 1970-1975 kuratiert von Elena Re.

Für weitere Informationen und Presseanfragen wenden Sie sich bitte an Silvia Baltschun (sb@spruethmagers.com).
Ausstellungseröffnung: 17.09.2014, 18 - 21 Uhr
Öffnungszeiten der Galerie: Di - Sa, 11 - 18 Uhr