Sprüth Magers Berlin London

Bad Director’s Chair   Sprüth Magers Berlin   february 07 - april 12 2014

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John Waters, einer der gefeiertesten Regisseure des amerikanischen Independent Cinema, läuft zu Höchstform auf, wenn er die Spielregeln Hollywoods exponiert oder in schlechtem Geschmack schwelgt. Der Regisseur von Pink Flamingos (1972) und Pecker (1998) bringt den ihm eigenen Witz und Mut auch in die Galerie. Während er auf seinem Bad Director’s Chair thront, richtet Waters sein Augenmerk auf die ungewöhnlicheren Aspekte am Rande des Filmgeschäfts und bringt seine Einsichten in das glamouröse Hollywood mit all seinem Herzschmerz in fotografischen Essays und narrativen Skulpturen zum Ausdruck, die ungeheuer ehrlich und brutal humorvoll sind. Waters wird zum selbsternannten Presseagenten für seine neu konzipierten „kleinen Filme“ – einer, der zweifelsohne noch am ersten Drehtag von einem wutentbrannten Produzenten gefeuert werden würde.

Waters verfolgt sein auf der Fotografie basierendes Werk seit 1992. Zunächst schaut er sich Filme an, wobei es ihm dank seines Insiderwissens gelingt, jenen verräterischen Momenten und Details gegenüber aufmerksam zu bleiben, die jeder andere, nicht zuletzt der Regisseur des Films, übersehen würde. Er fotografiert Einzelbilder aus einem Film ab, häufig von einem Fernsehbildschirm, kombiniert dann eine Reihe dieser Bilder zu Storyboard ähnlichen Sequenzen und inszeniert so einige seiner Lieblingsfilme durch spielerische Akte der Aneignung neu. Ihrem ursprünglichen Kontext entnommen, erhalten die Stills eine Vielzahl neuer Bedeutungen und evozieren in ihrer Aneinanderreihung ebenso lose wie unlösbare Bündel von Assoziationen oder Geschichten. Product Placement (2009) zeigt abfotografierte und modifizierte ikonische Filmstills, in denen berühmte Filmstars banale Konsumartikel anpreisen, als handele es sich um für die Geschichte überaus bedeutsame magische Talismane. Ehrerbietung kommt hier nicht ins Spiel: Waters lässt Aschenbach, den liebeskranken Komponisten aus Viscontis Death in Venice (1971), ein Glas Pastasoße umklammern, statt seine Hand nach unvergänglicher Schönheit auszustrecken. In Rear Projection (2009) mutiert in einigen Frames eine Reihe von Gesäßen zu Kinoleinwänden; in anderen wiederum haben die anonymen Hinterteile absurde Cameo-Auftritte im Hintergrund. Selbst die klassische Schlussszene eines jeden Films ist für immer verändert: Die Worte „The End“, von Waters mit neuem Sinn versehen, werden von nun an nie wieder ganz dasselbe bedeuten.

Derselbe schelmische Geist findet sich auch in Einzeilern wie zum Beispiel Epic (2003), wo Waters die Titelsequenz des Katastrophenfilms The Poseidon Adventure aus den 70er Jahren verwendet und buchstäblich kopfüber kippt, ganz wie der dem Untergang geweihte Passagierdampfer selbst, der dem Film seinen Titel verlieh. Mit dem Augenzwinkern des Insiders reduziert Waters einen der beliebtesten Katastrophenfilme Hollywoods auf eine einzige Einstellung. Neurotic (2009) zeigt vier Stichwortkarten in ein und demselben Frame. Stammen die kleinen, mit Titeln versehenen Karten etwa aus einer Dokumentation über die Psychiatrie? Oder werden sie einem TV-Publikum in einer Livesendung vorgehalten, um es zu instruieren, wie es bei einer Szene zu fühlen hat? „Sorrow“ (Traurigkeit), „Anxiety“ (Angst), „Suffering“ (Leiden) und „Disappointment“ (Enttäuschung) erscheinen simultan, als seien sie unvermittelte Spiegelungen der Gemütsverfassung des Betrachters. Aber wer oder was wird hier eigentlich ausgebeutet – die Gefühle des Publikums oder das Showgeschäft als Ganzes?

In seinen Skulpturen vermittelt Waters eine dunklere Stimmung. In Playdate (2006) streckt Michael Jackson, ganz piekfein in einem kuscheligen rosa Schlafanzug gekleidet, seine Hand nach einem winzigen, aber dennoch vollbärtigen Charles Manson aus. „Zwei berühmte mediale Bösewichte“, sagt Waters über sein Werk, „Charles Manson und Michael Jackson, als unverdorbene Babys wiedergeboren – hätten sie sich gegenseitig retten können, wenn sie sich beim Spielen begegnet wären, bevor es anfing, in ihren Leben schief zu laufen?“ In Bad Director’s Chair (2006) ist ein typischer Regie-Klappstuhl, wie ihn der Hollywood-Autor traditionell für sich beansprucht, mit Worten beschriftet, die offensichtlich die tiefsten Zweifel eines jeden Filmemachers ausdrücken. „Unprepared“ (unvorbereitet), „Hack“ (Stümper), „No Shot List“ (kein Drehplan) und andere Katastrophen sind auf Holz und Leinwand gedruckt, als sei der Stuhl selbst die Verkörperung eines Alptraums am Drehort.

Ebenfalls Teil der Ausstellung sind drei der frühesten Filme des Künstlers, Hag in a Black Leather Jacket (1964), Roman Candles (1966) und Eat Your Makeup (1968), die in speziell entworfenen „Peepshow“-Kabinen als Loops gezeigt werden.

Außerhalb der Galerie zeigt Image Movement John Waters' Top Ten Art Films You Should Watch Now, während die DFFB eine Einzelausstellung seines fotografischen Werks präsentiert, den Schwerpunkt wird dabei die Serie Marks bilden. John Waters bringt seinen Vortrag This Filthy World nach Deutschland; Stationen der Tour sind das Schauspiel, Köln (7. Februar), die Volksbühne, Berlin (9. Februar) sowie Kampnagel, Hamburg (10. Februar).

Zeitgleich zeigt Sprüth Magers Berlin Einzelausstellungen von Karen Kilimnik und Michail Pirgelis.

Für weitere Informationen und Presseanfragen kontaktieren Sie bitte Sina Deister (sd@spruethmagers.com).

Ausstellungseröffnung: 06.02.2014, 18 – 21 Uhr
Öffnungszeiten der Galerie: Di – Sa, 11 – 18 Uhr