Sprüth Magers Berlin London

Andreas Schulze   Sprüth Magers Berlin   january 15 - march 23 2011

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Monika Sprüth und Philomene Magers freuen sich, eine umfangreiche Einzelausstellung von Andreas Schulze mit neuen Bildern und einer Auswahl von Arbeiten der letzten Jahre in Berlin zeigen zu können.

Seit den 1980er Jahren hat sich Andreas Schulze in seiner Malerei mit den verschiedenen Innenansichten unserer Gesellschaft beschäftigt. Seine Bilder zeigen meist alltägliche Landschaften und bürgerliche Idyllen, die er als subtile Parallelwelten zur Realität entwirft. Frühe Arbeiten umfassen farbintensive Kompositionen, in denen sich die Grössenverhältnisse von plastisch figurierten Kugeln und anderen geometrischen Formen verschieben und die inneren Bildperspektiven ständig wechseln. Motive, die sich auf die Formensprache der Konzeptkunst und der Minimal Art beziehen, setzt Schulze in illusionistische Räume, die vor allem sinnliche Erfahrung, Humor und Unmittelbarkeit zum Betrachter suchen. Später malt Schulze Vorstädte, Einfamilienhäuser oder Wohnzimmer, die sorgfältig mit Möbeln, Lampen, Teppichen und Porzellan eingerichtet sind. Des Weiteren entwirft er grossformatige Rauminstallationen, welche die Themen seiner Bilder mit gefundenen Objekten und eigenen Skulpturen in den Ausstellungsraum erweitern. Zwischen profanen Gegenständen und ornamentalen Dekors, die sich auf die Bohème wie auf bürgerliche Normalität beziehen, spannen sich in seinen Bildern komplexe Beziehungen auf: Einfache, oft übersehene Dinge bewegen sich in rätselhafter Freiheit zueinander, sie werden zu Protagonisten einer im verborgenen liegenden Geschichte und erhalten einen bedeutsamen Auftritt. Der Künstler thematisiert die Illusionskraft der Malerei, die er in den Bildern stets ironisch bricht: In seinen Werken verbergen die Dinge nicht, dass sie Fälschungen sind und als Zeichen selbstbewusst auf sich selbst zurück verweisen. Die menschenleeren, melancholischen Landschaften und Interieurs Schulzes wirken ebenso behaglich wie bedrohlich. Sie manifestieren die gesellschaftliche Sehnsucht nach Geborgenheit und Komfort genauso wie eine Entfremdung vom „Privaten“, in welchem sich das bürgerliche Harmoniebedürfnis als beengend entpuppt.

In Berlin zeigt Andreas Schulze seine Arbeiten in einer spezifischen Anordnung im Ausstellungsraum, der auf diese Weise selbst zu einem Bestandteil der suggestiven Bildräume wird. Das Arrangement verschränkt realen und fiktiven Raum und entfaltet ein produktives Spiel zwischen Malerei und Installation. Im kleinen Ausstellungssaal präsentiert der Künstler Ohne Titel (Vorhang), 1991, und Ohne Titel (Dreckecke), 1985. Der Vorhang aus Filz, Kunstleder und Gardinenstoff zeigt die reduzierte Fassade eines Einfamilienhauses: Er verweist als Raumteiler auf eine praktische Verwendung im alltäglichen Wohnraum und umfasst dabei ein skulpturales Bild, das auf humoristische Weise unterschiedliche Momente der Sichtbarkeit und des Voyeurismus im Ausstellungsraum hervorruft.

Davor ist die aus handgeknüpften Teppichen bestehende Dreckecke in einer Wandnische platziert. Trotz des Bezugs zur Fettecke, 1982, von Joseph Beuys (der damals Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie war, an der auch Schulze studiert hat), lässt sich das Objekt vielmehr mit dem weniger theoretischen Kontext des Sprichworts „In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken“ lesen: Die Arbeit evoziert Gemütlichkeit und einen stillen Rückzugsort. Mit der Andeutung einer unbestimmten Öffnung im Raum wird sie zu einer passiv-aggressiven Formation, in der sich der Betrachter wie bei allen Arbeiten des Künstlers hinsichtlich seines eigenen Standpunkts nie gewiss ist, ob er sich innerhalb oder ausserhalb eines Raums, in der Realität oder in einem Traum befindet.

So aktiviert auch die Hängung einer Serie von neuen Bildern an der Fensterseite des grossen Saals die Vorstellungskraft des Betrachters. Sie umfassen das serielle Motiv von Fenstern, deren gemalte Einfassungen eine tatsächliche Bildrahmung ersetzen. Die Anordnung der Fenster öffnet eine Ansicht auf eine Hochhausfassade. Die Trompe-l’œils lassen jedoch offen, welche Perspektive der Betrachter einnimmt. Sie bleiben leere Projektionsflächen und zeigen den unprätentiösen Umgang des Künstlers mit einem Motiv, das in der Geschichte der Malerei seit der Romantik bis hin zum Surrealismus eine zentrale Rolle spielte.

An der gegenüberliegenden Wand zeigt Schulze das Bild Ohne Titel (Morris Nolde/Rügen), 2009, das Malstile und bekannte Landschaftsbilder der Kunstgeschichte vermischt – beispielsweise Kreidefelsen auf Rügen von C. D. Friedrich mit Morris Louis’ Unfurleds. Das Gemälde demonstriert die Arbeitsweise Schulzes, in welcher er sich auf verschiedene Stile und Versatzstücke bezieht und sie in seine eigene Bildsprache transformiert, in der das visuelle Erlebnis über einem deutlichen Inhalt steht. Daneben stellt Ohne Titel (5 Sorten Wasser), 2011, unterschiedliche Aggregatzustände und Erscheinungsformen von Wasser dar. Als abstrahierte Zeichen sind sie in einer ornamentalen Bildfläche vereint, die subtil zwischen Zwei- und Dreidimensionalität changiert.

Weiter ist das Bild Ohne Titel (Wie spät ist es) I, 2010, Teil der Ausstellung. Es bezieht sich in seiner Struktur auf das Ziffernblatt einer Uhr, deren Zeiger und Minutenstriche ein energiegeladenes Gefüge bilden. In dadaistischer Weise werden die Elemente zu einer frei rhythmisierten Komposition.

Auf der blau gestrichenen Stirnwand sind die drei Diptychen Ohne Titel (Autos mit Lichtern), 2010, zu sehen. In den Arbeiten strahlen helle Kreise und Formen wie Autoscheinwerfer oder Rücklichter aus dem Dunkeln in den Innenraum hinein. Die weißen Randstreifen der Bilder, welche die Lichter umgeben, sind aus Wandputz gefertigt und greifen damit auf die Textur der realen Ausstellungswand zurück: Auch an dieser Stelle wird der konkrete Ausstellungsraum zu einer Bühne, auf der die Bilder von Andreas Schulze zu Szenen einer offenen narrativen Struktur werden.

Andreas Schulze wurde 1955 in Hannover geboren. Er studierte an der Gesamthochschule Kassel und der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, an der er seit 2008 als Professor für Malerei tätig ist. 1983 eröffnete Monika Sprüth ihre Galerie mit einer Einzelausstellung von Andreas Schulze. In den 1980er Jahren hat er im Umkreis der Mülheimer Freiheit und der Jungen Wilden in Köln gearbeitet, sich jedoch von einem expressiv-spontanen Stil und der Fokussierung auf das Künstlersubjekt früh distanziert. Im letzten Jahr waren seine Arbeiten unter anderem in der grossen Überblicksausstellung INTERIEUR. Werkschau Andreas Schulze in der Sammlung Falckenberg in Hamburg sowie im Leopold-Hoesch-Museum in Düren zu sehen. Anlässlich dieser beiden Ausstellungen ist im September 2010 ein umfangreicher Katalog erschienen.

Für weitere Informationen und Presseanfragen wenden Sie sich bitte an Jan Salewski (js@spruethmagers.com).

Ausstellungseröffnung: 14.01.2011, 18 - 21 Uhr
Öffnungszeiten der Galerie: Di - Sa, 11 - 18 Uhr