Spr�th Magers Berlin London

Rethinking Location   Sprüth Magers Berlin   may 01 - june 21 2010

Armando Andrade tudela, Rosa Barba, Cyprien Gaillard, Andreas Hofer, Koo Jeong−a, David Maljkovic, Trevor Paglen, Christodoulos Panayiotou, Sterling Ruby, Paul Sietsema, Taryn Simon, Andro Wekua (Group Show)
 
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RETHINKING LOCATION | kuratiert von Johannes Fricke-Waldthausen

Rosa Barba, Cyprien Gaillard, Andreas Hofer, Koo Jeong-A, David Maljkovic, Trevor Paglen, Christodoulos Panayiotou, Sterling Ruby, Paul Sietsema, Taryn Simon, Armando Andrade Tudela, Andro Wekua

Die Ausstellung Rethinking Location stellt Werke von 12 Künstlern, Filmemachern und Fotografen gegenüber, die sich mit fiktiven Geographien, imaginären Orten und „konstruierten“ Schauplätzen auseinandersetzen. In einer Ära, die durch zunehmende Mobilität, Migration und Globalisierung und einem sich rapide wandelndem Zeit-Raum Verständnis geprägt ist, hat sich unsere Vorstellung von dem, „was ein Ort ist“ entscheidend verändert. Diesen Wandel voraussetzend, beleuchtet Rethinking Location wie sich jüngere Künstler heute mit Geographie und „Orten“ als Bezugspunkten in ihrem Werk auseinandersetzen.

Die Arbeit von Rosa Barba und Taryn Simon geht häufig von einem Interesse an ungewöhnlichen Schauplätzen und unwirklich erscheinenden Situationen aus. Barbas Film The Empirical Effect (2009) erforscht eine geographische „Red Zone“: gedreht im Sommer 2009 während eines Evakuierungstests am Vesuv, vergegenwärtigt ihre fiktive Dokumentation einen möglichen Vulkanausbruch und verweist auf die komplexen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Italien. Barbas Film entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftslabor Osservatorio Vesuviano in Neapel und bezieht sich auf die Arbeit des Instituts mit Überwachungskameras und Seismographen am Vesuv sowie auf frühes Archivmaterial der Brüder Lumière. Die Fotografien der New Yorker Künstlerin Taryn Simon bewegen sich zwischen einem ästhetischen Realismus, Reisebericht und kollektiver Erinnerung. Die Rolle einer Ethnographin einnehmend, zeigt Simon Werke, die auf Orte geopolitischen Gewichts verweisen: unter anderem das Innere von Fidel Castros Palast der Revolution in Havanna und Nachtaufnahmen eines israelisch-palästinensischen Kontrollpunkts zwischen Jerusalem und Ramallah im Westjordanland.

Cyprien Gaillards Werke verwischen hierarchische Anordnungen von Orten. Indem Gaillard diese neu zusammenfasst, löst er sie von ihrer ursprünglichen Identität los und dekonstruiert anachronistisch Monumente, Ruinen und Landschaften der Vergangenheit und der Gegenwart. Seine in der Ausstellung gezeigten Arbeiten der Serie Fields of Rest (2010) zeigen Ruinen deutscher Kriegsbunker des Zweiten Weltkriegs an der Küste der Normandie.

Paul Sietsema sammelt Archivfotos von Artefakten verlorengegangener Kulturen aus raren anthropologischen und ethnographischen Publikationen. Diese lässt er in seine eigene Arbeit einfließen. Sein Werk bezieht sich auf westliche Kolonialisierungsprozesse und geographische Erkundungen in Ozeanien, Südasien und Afrika. Sietsemas Filme, Zeichnungen und Skulpturen verbinden Farbe, Raum und Bewegung durch eine Vielzahl an Themen geographischer und zeitlicher Natur. Seine Filminstallation Analyse d´une épave (2008) zeigt ein Schiffswrack, dessen Ruinen wie zeitlose Skulpturen eines vergessenen kulturellen Erbes erscheinen.

Würde man heutige Künstler mit Bourriauds Semionauten vergleichen, wären häufige Ortswechsel sowie das Reisen zwischen verschiedenen Städten die Inspiration und das Ausgangsmaterial an sich. Diesen Gedanken als Sinnbild weiterverfolgend, gehen Künstler heute von verschiedenen, gleichzeitig parallel und vernetzt stattfindenden Diskursen aus: Expeditionen und geografische Erkundungen, Distanzen und Reiserouten werden selbst zur wichtigen Ressource innerhalb der künstlerischen Praxis.

Der in Peru geborene Armando Andrade Tudela beschäftigt sich mit der Verschiebung und der Auflösung realer Ortsbeschreibungen. Dabei geht es ihm weniger um geographische Grenzen, sondern vielmehr um das Potential imaginärer Plätze, die er selbst als „tropische Abstraktion“ bezeichnet. Utopische Architekturen der 1960er Jahre in Lateinamerika thematisierend, spielt sich sein in extremer Nahaufnahme gedrehter Film Untitled Film #2 (Espace Niemeyer and Infra Red Light) (2007) im Hauptquartier der Kommunistischen Partei in Paris ab. Tudela verwandelt das 1967 - 1972 vom brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer erbaute Gebäude in einen „Nicht-Ort“ - einen fiktiven Schauplatz ohne reale Verortung.

David Maljkovics Arbeiten beziehen sich auf das Potential vergessener „utopischer“ Monumente in einer optimistischen Phase der Moderne im ehemaligen Jugoslawien der 1960er und 1970er Jahre. Seine Lost Pavilion Serie (2008) verweist auf die Rekonstruktion eines Ausstellungspavillions der USA für die Weltausstellung in Zagreb von 1956.

Christodoulos Panayiotous Soliloquy (The Sea) aus dem Jahr 2010 thematisiert die Geschichte kolonialer Expeditionen. Die Arbeit ist Bestandteil einer Serie von Ankäufen von Theatervorhängen durch den Künstler, die zusammen mit einem Archivfoto der Originalinstallation gezeigt werden. Panayiotous Auseinandersetzung mit Phänomenen der Absenz und „negativen Präsenz“ gründet in seinem Interesse an Anthropologie und dem Erbe der Moderne.

Andro Wekuas Arbeit geht von der Rekonstruktion von Erinnerung aus und bezieht sich unter anderem auf den Einfluss des Unterbewusstseins und der Medien. Archiv- und gefundenes Bildmaterial mit fiktionalen und popkulturellen Referenzen vermischend, thematisieren seine My Bike and your swamp (yesterday) 2 (2008) Collagen Geschwindigkeit und Ortswechsel.

Koo Jeong-A erfindet Mythologien eigenständiger Welten innerhalb der Logik existierender Orte. Ihr Werk stellt oft das Ephemere, Unsichtbare und das nicht unmittelbar Auffindbare in den Vordergrund. Für die Ausstellung entwarf Koo Jeong- A Smelly Human (2010): eine Serie digital gezeichneter Karten, in denen sich die Künstlerin in einer geologischen Querschnitten gleichenden Landschaft befindet, deren Zeichen auf eine imaginäre Geographie verweisen. Darüber hinaus hat sie einen ortsspezifischen „Lecture Room“ entworfen, nach dem sich der Ausstellungsbesucher auf die Suche begeben kann.

In Sterling Rubys Video Performance Carthographic yard work: Dog behavior (2009) gräbt der Künstler Löcher in ein Gehege voll von Geröll und Borschlamm. Doppelbelichtete Kameraschwenks scannen den Ort um 360 Grad während eine stark verlangsamte Männerstimme Techniken, wie man einen Hund trainiert, verliest.

Andreas Hofers Werk vermischt Science Fiction, wissenschaftliche Recherche und Popkultur. Einflüsse aus dem Film noir, der Fantasyliteratur und dem Comic aufgreifend, verweist seine für die Ausstellung geschaffene multimediale Installation Robert and Matt Maitland (2010) auf den Künstler in der Rolle des reisenden Forschers. Die Arbeit versetzt den Protagonisten aus J.G. Ballards Science Fiction Roman Concrete Island von 1974 in das Set einer geographischen Expedition eines Comic-Klassikers der 50er Jahre. Indem Hofer beide ursprünglich getrennten Handlungsstränge überlagert, visualisiert seine Arbeit einen imaginär „konstruierten“ Ort, der Vorgefundenes und Erfundenes auf eine Realitätsebene stellt.

Das Ergebnis der heutigen Überlagerung realer Orte durch die Kanäle der Massenmedien und Kommunikationstechnologien sind virtuelle „Mashup-Schauplätze“: Archipele sich stetig wandelnder Zeichen zwischen realer und virtueller Information. Darüber hinaus hat das Internet massiv die Präsenz von Karten und Navigationssystemen in unserem Alltag verstärkt: heute ist es beispielsweise mit Hinblick auf „Geo-Tagging-Systeme“ wie Google Maps, Google Earth und GPS erheblich einfacher geworden, Karten zu finden, zu verändern, zu verbreiten und gemeinsam weiter zu entwickeln.

Trevor Paglens Kunst verwischt Grenzen zwischen Kunst, Wissenschaft und Politik. Tätig am Lehrstuhl für Geographie an der UC Berkeley, greift Paglen auf Analysen von Datensets, fortgeschrittene Recherchemethoden und neueste Technologien zur fotografischen Beobachtung zurück um das Terrain amerikanischer Militärgeheimnisse zu erforschen. Mit wissenschaftlichen Bildwelten und Astronomie-Diskursen als Grundlage, vermisst er sein Bezugssystem einer „experimentellen Geographie“. In seiner Serie The Other Night Sky (2008) richtet Paglen seine Aufmerksamkeit auf die 189 „Secret Service Satelliten“, die vom U.S. Militär zielgerichtet eingesetzt werden um einen Großteil der Welt zu überwachen.

Die in Rethinking Location gegenübergestellten Werke beleuchten ein breites Feld künstlerischer Positionen. Von einem interdisziplinären Diskurs ausgehend, schlägt die Ausstellung vor, sich darauf einzulassen und weiterzudenken, wie und wo heute neue Orte entstehen könnten. Nach der Hervorhebung der Bedeutung von Netzwerken in den letzten Jahren: könnten „Orte“ jetzt zu einem neuen Kernparameter werden?

Ein die Ausstellung begleitendes Filmprogramm zum Thema Land Art wird in Zusammenarbeit mit Image Movement im Verlauf der Ausstellung stattfinden.

Für weitere Informationen zur Ausstellung und Presseanfragen wenden Sie sich bitte an Jan Salewski (js@spruethmagers.com).

Ausstellungseröffnung: Freitag, 30.04.2010, 16 – 21 Uhr
Öffnungszeiten der Galerie: Di – Sa, 11 – 18 Uhr